Wer hat Angst vor Maritta Strasser?

Es ist keine Schande, das Schicksal mit Iliya Trojanow zu teilen. Wegen seiner Kritik an den Praktiken US-amerikanischer Geheimdienste wurde ihm eine Einreise in die USA verweigert. So wie mir heute. Und ebenfalls aus politischen Gründen.

Für Campact habe ich im letzten Jahr die Kampagne für eine stärkere Kontrolle der Geheimdienste geleitet, Anlass waren die Enthüllungen von Edward Snowden über die skandalösen Gepflogenheiten der US-Geheimdienste und ihrer Bündnispartner.

Ich war schon erbost, als mir die visumfreie Einreise über das System ESTA verweigert wurde. 120 Euro für ein Visum auszugeben, sich durch endlos lange Formulare zu quälen und in den weit außerhalb liegenden Berliner Stadtteil Dahlem in die US-Botschaft zu fahren ist durchaus lästig. Aber ich brauchte dieses Visum für die Vernetzung des transatlantischen Bündnisses gegen TTIP. Im Mai will dieses Bündnis in Washington parallel zur nächsten TTIP-Verhandlungsrunde den Standpunkt der Zivilgesellschaft deutlich machen. So wie wir es im März in Brüssel auch gemacht hatten.

Dass ich zu einer Dienstreise einreisen will, allein zu dem Zweck den Widerstand gegen TTIP zu organisieren und zu stärken, das hatte ich den Konsularbeamten natürlich wahrheitsgemäß angegeben. Ich hatte nicht gedacht, dass sie sich gegenüber einer NGO wie Campact so dünnhäutig zeigen würden. Ihre Ablehnung meines Visums sagt viel aus über die Macht, die unser Widerstand inzwischen in den Augen unserer Gegner hat. Und das ist vielleicht nicht die schlechteste Nachricht.

Die US-Botschaft macht mir einen Strich durch meine Reisepläne, aber ich werde über elektronische Medien vernetzt bleiben mit meinen Freunden jenseits des Atlantiks. Wenn die Beamten des US-Heimatschutzes meinen, mich mit ihrer kleinlichen Schikane einschüchtern zu können, dann täuschen sie sich gewaltig. Das Gegenteil ist der Fall, ich fühle mich bestätigt und ermutigt. Denn wenn der Gegner nervös wird, bestätigt es die eigene Stärke.

Die US-Botschaft gibt keine Gründe für eine verweigerte Einreise an. Sie fertigt Menschen wie mich und Ilja Trojanow mit einem blauen Zettel ab, auf dem mit dürren Worten nichts gesagt wird. Bizarres Detail am Rande: Ich wurde sogar bereits aufwendig vom Verfassungsschutz sicherheitsüberprüft, weil ich im Leitungsbereich eines Bundesministeriums tätig war.

Aber offenbar haben die USA doch etwas Muffensausen vor mir. Irgendwie, bei allem Ärger, schmeichelt das auch.

Update:
Bestimmt ärgert sich der Botschafter über diesen Artikel auf Spiegel Online zum Thema.

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Weder neu noch von den Piraten, aber trotzdem gut

Viele denken ja, die Idee Politik mit dem Medium Internet zu verbinden sei eine neue Idee, erfunden von den Piraten. Tatsächlich ist diese Idee fast so alt wie das Internet selbst, und in Deutschland hat die SPD sie zuerst realisiert. Das weiß ich aus sicherer Quelle, denn ich war dabei.
Lest hier meinen Blogbeitrag zur Geschichte des und den Lehren aus dem ersten Virtuellen Ortsverein der SPD.

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Schauspieler ohne Kostüm

Unsere Zeit schreit nach Inszenierungen, ist geradezu süchtig danach. Und gleichzeitig sind Inszenierungen verhaßt – wenn sie als solche offenbar werden. Man will die Geschichten lesen die so viel einnehmender sind als es die Wirklichkeit jemals sein kann. Aber dass sie nicht wahr sind, das überrascht und verletzt die Leute dann doch. So viel Einfalt in dem naiven Glauben noch steckte – desillusioniert lassen sich die Menschen nichts mehr vormachen. Sie erkennen ihresgleichen: fehlbar, zweifelhaft, unzuverlässig – und senken den Daumen.

Deshalb wird in der nächsten Umfrage von einem der großen Institute eine Mehrheit der Deutschen dafür sein, dass Bundespräsident Wulff zurücktritt. Was er aber bis dahin wahrscheinlich ohnehin bereits getan haben wird.

Mitleid mit dem Bundespräsidenten ist nicht angebracht. Er hat das Spiel schließlich selbst gespielt, das er jetzt verliert.

Aber es ist schon des Nachdenkens wert, was die Alternative ist für Politiker und Politikerinnen. Ob und wenn ja wie sie auf eine Selbstinszenierung in dieser Art verzichten können. Muss es wirklich sein, dass die Mächtigen sich so stark verstellen? Übertriebenes Geltungsbedürfnis, Selbstgerechtigkeit und Geiz stoßen ab. Also kann der Typ Egomane, wie er in der Politik häufiger vorzukommen scheint, nur lügen um sympathisch zu sein. Wir brauchen dringend eine Auswahl von Leuten für Mandate, die nicht länger die menschlich verkümmerten, moralisch unsensiblen Intriganten und Machttaktiker begünstigt, sondern Menschen mit dem Bedürfnis, sich für andere einzusetzen. Dann klappt’s auch mit dem Bundespräsidenten.

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Die meisten Säcke Reis in China bleiben stehen

Bad News are Good News, heißt es unter Journalisten. Was keine schlechte Nachricht ist, weckt kein Interesse. Was funktioniert, findet keine Beachtung. Keiner will das lesen, sehen oder hören, sagen die Leute vom Fach.

Ist das wirklich so? Ich mache mal den Test.

Wir waren gestern bei der Weinladen-Eröffnung eines Freundes von uns. Zwei Frauen, 22 Uhr abends, wir wollten grad am Kottbusser Tor in die U-Bahn einsteigen, während ich die die Mails auf meinem Iphone checkte. Da drängt sich ein Junge zwischen uns und reißt mir das Smartphone aus der Hand, es war unmöglich es festzuhalten. Ohne eine Schrecksekunde fing ich sofort an zu schreien: „Der hat mein Handy!“ und stürmte dem flüchtenden Burschen hinterher. Ich war ihm erstaunlich dicht auf den Fersen, bestimmt mehr als doppelt so alt wie er und als Frau. Aber ich wusste ich habe im Grunde keine Chance, ihn zu erwischen. Und lief den Bahnsteig lang, rufend, immer hinterher. Alle Köpfe folgten uns.

Und nicht nur die. Plötzlich kam Bewegung in die Menschen. Einer griff nach dem Dieb und griff ins Leere. Ein Zweiter nahm ebenfalls die Verfolgung auf. Dann schlug der Bedrängte einen Haken und lief einem Dritten in die Arme, der ihn festhielt. Der unterstützende Verfolger kam dazu, die beiden jungen Männer hielten den Burschen zwischen sich, nahmen ihm mein Iphone wieder ab, und gaben es mir. Zwei Männer mit Migrationshintergrund übrigens. „Ruf die Polizei,“ sagte einer von ihnen. Und das tat ich.

Ich bin den beiden dankbar. Aber fast mehr noch freue ich mich über ihren Stolz. Wie es sie glücklich machte, das sie helfen konnten. Sie machten keine großen Worte. Der Eine murmelte was von „man kann doch nicht immer weggucken“. Und ganz vorsichtig fügte er hinzu: „Ich glaube das Weggucken machen eher so die Deutschen.“ „Das könnte sein,“ gab ich zu.

Das war jetzt keine Geschichte über das brutale Zusammenschlagen von Fahrgästen in der Berliner U-Bahn, wie wir sie so häufig lesen. Und – war sie langweilig?

Dies ist immer noch unsere Stadt. Sie ist, wie wir sie machen. Ich bin überzeugt: Berlin hat mehr Helden als Schurken. Wer erzählt ihre Geschichten?

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Hacker – Spielkameraden oder Bedrohung?

Gestern war Dr. Sandro Gaycken zu Gast in der monatlichen Diskussionsrunde zu Internet und Politik im St. Oberholz, und er sprach über Hacker. Die Leute, die als „Anonymous“ durch die Presse geistern, nimmt er als solche allerdings nicht ernst, wie er überhaupt DDOS-Attacken, also die „Kunst“ eine Website durch massenhafte Anfragen zeitweise in die Knie zu zwingen, nicht als ernsthaftes Problem gelten lässt. Auch schlecht gesicherte Webserver zu hacken und Internetpräsenzen zu manipulieren sei weder neu noch nicht alltäglich. Richtig ernst wird es erst, wenn Hacker die Kenntnisse haben, in interne Kommunikationssysteme einzudringen und dort über längere Zeit unbemerkt Schaden anrichten können.

Gayckens These ist, dass es bisher nur wenige Personen gab, die diese Kenntnisse hatten, die also in der Lage waren, die in den Millionen Zeilen Code unserer modernen Software hunderttausendfach vorhandenen Sicherheitslücken selbst aufzuspüren und dafür maßgeschneiderte Einbruchswerkzeuge zu programmieren. (Anstatt mit fertigen Toolkits auf bereits publizierte Lücken loszugehen.) Diese wenigen Personen haben gut bezahlte Jobs in der Industrie und meistens anderes zu tun.

Aber dies ändert sich. Es würden derzeit massenweise Leute mit entsprechenden Spezialkenntnissen ausgebildet, mehr als der Markt der Unternehmen nachfragt. Für diese Leute böte sich später dann bei Nachrichtendiensten und Militär oder bei der organisierten Kriminalität die Chance, die eigenen Fähigkeiten zu viel Geld zu machen. Deshalb rechnet er in zwei bis drei Jahren mit ernsthaften Gefahren für unsere kritischen Infrastrukturen.

Der Fall der veranschaulicht, um was es dabei geht ist „Stuxnet“, ein Virus das tief in eine für das iranische Regime äußerst wichtige Infrastruktur eindringen und dort über Monate hinweg unbemerkt sein zerstörerisches Potenzial entfalten konnte. Deshalb konnte es einen wirklich nennenswerten Schaden anrichten, was ihn von anderen Angriffen wie zum Beispiel den ebenfalls viel beachteten Attacken gegen ein paar estnische Webseiten unterscheidet. Wenn die Webseite unserer Bundesregierung ein paar Tage nicht erreichbar wäre, würde bei uns weder die öffentliche Ordnung gefährdet noch Panik ausbrechen. Anders wäre das schon, wenn zum Beispiel über drei Wochen in einem größeren regionalen Gebiet die Stromversorgung zusammenbreche. Das ist der Unterschied zwischen Cyberwarfare und Kinderspiel.

Will unsere Gesellschaft weniger verletzlich werden, so ist dies sehr teuer. Gayckens Rezept lautet im Prinzip: Alles wegwerfen und neue Infrastrukturen bauen, die auf Programme mit sehr viel weniger Zeilen Code und absolut transparente Prozesse setzen. Zu jedem Prozess eine Überwachung des Prozesses. Eine solche IT wäre weniger leistungsfähing und flexibel, sie würde einen höheren Personaleinsatz erfordern. Um beim Beispiel aus der Energiewirtschaft zu bleiben: Statt viele Kraftwerke aus einer Leitwarte zu fahren, würde man den Verbund wieder auftrennen, um ein attraktives Ziel für Angriffe aus der Welt zu schaffen.

Das Rezept – zurück zum Einfachen, zurück zur Dezentralität, zurück zu den Medienbrüchen – erinnert mich ein wenig an biologische Landwirtschaft. Es ist bewusster Verzicht auf technische Errungenschaften, weil deren Risiken vermieden werden sollen. Auch beim Thema Informationsgesellschaft steht also eine Debatte über technischen Fortschritt an, wie wir sie aus den Bereichen Energie und Landwirtschaft kennen. Wie viel Verletzlichkeit unserer kritischen Infrastrukturen wollen wir noch mit dem Begriff Effizienz adeln? Welche offenen Scheunentore in der Sicherheitsarchitektur sind wir bereit, aus Gründen der Kostenersparnis oder zur Bequemlichkeit hinzunehmen? Wer ist von den Risiken betroffen, wer profitiert von unzureichender Sicherung? Alle diese Fragen werden wir stellen und diskutieren müssen, wenn wir uns eine Meinung darüber bilden wollen, was eigentlich Fortschritt in der Informationsgesellschaft bedeutet.

Ich halte es mit meinem Lieblingszitat von Antoine de Saint-Exupéry: „Alle Entwicklung vollzieht sich in Zyklen: Vom Primitiven über das Komplizierte zum Einfachen.“

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Von der Unmöglichkeit, Medienresonanz zu messen

Wenn man Presse- und Öffentlichkeitsarbeit betreibt, muss man natürlich irgendwie herausfinden, welchen Erfolg die eigenen Bemühungen haben. Welche Themen ziehen, welche nicht? Welche der eingesetzten Instrumente bringen Aufmerksamkeit, welche kosten bloß Geld? Wer nimmt mich wahr, wer nicht?

Ich habe viele hundert Stunden meines Lebens damit verbracht, genau diese Fragen zu beantworten. Und mein Stand heute ist: die Killer-Applikation, das eine großartige Tool das einem diese Arbeit abnimmt oder wenigstens strukturiert, gibt es wahrscheinlich nicht. Und es ist sehr schwierig, sich ein System der Medienüberwachung zu basteln, das einen schlauer macht als die simple Strategie „viel lesen und ein Bauchgefühl entwickeln“.

Um nicht missverstanden zu werden: Das mit dem Bauchgefühl für eine Presselage macht meiner Meinung nach noch immer einen guten Pressesprecher aus. Dieses Können wird auch durch Medienresonanzanalyse nicht überflüssig, denn es bedeutet ja nicht nur, das Gelesene zu deuten, sondern zum Beispiel auch anhand der Schlagzeilen von heute zu ahnen, was die Zeitungen morgen schreiben könnten.

Aber trotzdem will man gerne Zahlen haben. Wie oft waren wir in den Medien? Werden wir häufiger genannt oder seltener, wird positiver berichtet oder negativer? Das kann man detailliert untersuchen und aufbereiten. Die erste Frage ist immer: Make or buy? Ich habe meistens auf ersteres gesetzt, und ich würde jedem empfehlen, vor dem Kauf einer Lösung von einer Agentur selbst Erfahrung zu sammeln. Meistens weiß man erst genau, was man kaufen muss, wenn man zunächst versucht hat, selbst etwas zu basteln.

Wichtiger aber noch ist die Frage nach dem Zuschnitt der Analyse. Messen und zählen kann man nämlich fast unendlich viel aus einer wachsenden Zahl von Medien: Printmedien und deren Online-Ausgaben, Blogs, Radio, Fernsehen, Social Media…

Wenn ich aus meiner Medienaufmerksamkeit eine einzige Kurve machen möchte, muss ich diese ganzen Medien irgendwie zusammenfassen zu einer Zahl. Entweder ich gebe jeder Nennung, egal ob in den 20-Uhr-Nachrichten oder in einem unbekannten online-Medium, denselben Wert, oder ich muss gewichten. Aber wie? Setzen wir willkürlich einen Wert, sagen wir, das online-Medium zählt 1, die Tagesschau 100? Oder gewichten wir nach Nutzern?

Für Printmedien gibt es immerhin recht genau aufgedröselte Zahlen von der IVW. Mit diesen Zahlen kann man sogar eine regionalisierte Auswertung erstellen, das heißt man weiß wo die Zeitungsleser sitzen, die von einem gelesen haben dürften. Aber die Online-Zahlen der IVW sind nicht kompatibel mit denen von Print, und Radio und Fernsehen liefern noch einmal andere Statistiken. Und Facebook, Youtube, Twitter haben wieder ihre je eigenen Kriterien, nämlich Aufrufe, Likes, Follower. Zählt ein Follower so viel wie ein Like oder mehr? Und wenn ja, warum? Und zählt überhaupt jeder Follower gleich, oder ist nicht der Redakteur von Spiegel Online, der einem folgt mehr wert als ein User „Yvonne_256“? Und wie verhalten sich beide zu einem Zuschauer, der eine Fernsehsendung gesehen hat?

Um eine wirklich vernünftige Lösung für dieses Problem zu finden, muss ich mich auf meine Ziele besinnen. Wen will ich womit erreichen? Will ich Entscheider oder Fachleute erreichen, ist eine Nennung in einer Nachmittagssendung wahrscheinlich wenig wert. Will ich weibliche Konsumenten erreichen, wird mir ein Artikel in der Zeitschrift C’t nichts bringen. Wenn man pragmatisch vorgeht, dann trifft man vielleicht die Entscheidung, sich auf eine hoffentlich zieladäquate Auswahl von Medien zu konzentrieren, anstatt unendlich Daten zu erheben. Damit riskiert man natürlich, etwas wichtiges zu übersehen. Aber anderererseits: Wenn man alles überwacht, was veröffentlicht wird, kann einem im Grundrauschen die eine wichtige Information ebenfalls entgehen. Wenn man ein individuelles Portfolio relevanter Medien zusammenstellen möchte, geben am besten die eigenen Erfahrungen (Kundenumfragen, Rückmeldungen) den Anhaltspunkt dafür, wie man diese  richtig auswählt und zueinander ins Verhältnis setzt.

Medienresonanzmessung muss sein. Aber ich meine, sie ist nur möglich mit intelligenter Schwerpunktsetzung. Was man nicht vergessen sollte ist: Wenn man in einer Pressestelle die Zahlen selbst erfasst, wie ich es viele Jahre getan habe, dann hat man in den Zeiten des größten Erfolgs eigentlich besseres zu tun, als seine Statistiken zu pflegen. Genau in diesen heißen Phasen warten dann aber hunderte von Artikeln darauf, erfasst zu werden. Um der Aufgabe auch dann noch Herr werden zu können, dürfen keinesfalls weniger, aber auch nicht mehr Daten gesammelt werden als nötig.

 

 

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Wie spricht man eine Ministerin an, für die man arbeitet? Mein Chef duzte sie und nannte sie Herta, aber ich sagte am Anfang immer brav „Frau Ministerin“, und sie zu mir „Frau Strasser“. Irgendwann waren wir dann mal so warm miteinander, dass sie mich „Maritta“ nannte und weiter siezte. Wie eine Zahnarzthelferin. „Maritta, übernehmen Sie bitte die Pressemitteilung zur Zivilrechtsreform?“ Meine Antwort, auch schon etwas lockerer: „Mach ich, Frau Däubler-Gmelin.“

Seit sie aus dem Amt ist, und ich auch, treffen wir uns in größeren Abständen. Und wir duzen uns.

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Medien- und Machtfragen

Rupert Murdoch stellt die „News of the World“ ein. Und ich habe bisher noch keinen Kommentar gelesen oder gehört, der dieses Erdbeben in der Medienlandschaft so einsortiert, wie es in meinen Augen gewertet werden sollte.

Medienfragen sind Machtfragen, so viel ist bekannt. Politik und Medien, insbesondere des Boulevard, sind in Großbritannien eine korrupte und korrumpierende Allianz eingegangen, auch das war vor der jüngsten Eskalation des Abhörskandals jedem, der es wissen wollte klar.

Aber warum hat noch niemand erkannt, was jetzt neu ist? Was die Situation heute verändert? Neu ist die Gegenwehr der Leser, die Gegenwehr der Opfer des „Witwenschüttelns“ und anderer verachtenswerter Praktiken, die, machen wir uns nichts vor, auch in Deutschland geübt werden.

Im Königreich war es ein höchst erfolgreicher Anzeigenboykott, vorangetrieben von Prominenten wie Hugh Grant, einem der zahlreichen Opfer der Abhörpraktiken des Murdoch-Boulevards. Dieser Anzeigenboykott, nicht die bessere Einsicht eines Rupert Mordoch, hat der News of the World letztlich das Totenglöcklein geläutet.

An diesem ersten großen Erfolg einer Kampagne gegen ein Massenmedium  ist zweierlei bemerkenswert. Erstens, die Prominenten lassen es nicht mehr dabei bewenden, sich mit Hilfe von Anwälten finanziell entschädigen zu lassen. Sie schlagen auf dem eigenen Terrain der Medien zurück. Das können sie nur tun, weil zweitens, die Medien seit der Erfindung des Internets einen Rückkanal haben. Die Leser können antworten. Und das tun sie, immer massenhafter, immer selbstbewusster.

Macht- und Medienfragen stellen sich im Internetzeitalter neu. Wir leben in spannenden Zeiten.

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Im Sturm

Es gibt viel, was man in meinem Beruf für seinen Arbeitgeber tun kann. Eigentlich geht immer irgend etwas. Eigentlich. Es gibt nämlich auch totale Hilflosigkeit. Die habe ich genau ein mal erlebt.

Am 1. Juni 2003 wechselte ich vom Bundesjustizministerium zum Zentralrat der Juden in Deutschland. Das war nach dem Wechsel an der Spitze des Ministeriums notwendig geworden, denn die neue Ministerin hegte ein tiefes Misstrauen gegen alle Vertrauten ihrer Vorgängerin. Herta Däubler-Gmelin hatte mich mit Michel Friedmann bekannt gemacht, und der bot mir den Job im Zentralrat an.

Ich war zwei Wochen dort und hatte den Vizepräsidenten noch nicht ein mal gesehen. Ich versuchte, mich so gut es ging einzuarbeiten und einen Zugang zu den Menschen dort zu bekommen – nicht einfach, sage ich nur. Mein Büro hatte ich sehr provisorisch in einem Konferenzraum errichtet, ich kämpfte mit dem jüdischen Kalender, dem System der Archivierung und mit einer verwirrenden Vielfalt von neuen Namen und Begriffen. Den Nachrichtenticker von dpa hatte ich in meinem Internetbrowser immer offen. Und dort sah ich dann die Nachricht: Drogenfund beim Vizepräsidenten des Zentralrats der Juden. Zunächst gab es natürlich noch so etwas wie professionelles Handeln. Die Meldung ausdrucken und zum Chef stürmen, ihn danach mit den sich überschlagenden und immer unappetitlicheren Einzelheiten versorgen, das verdeckte erst einmal die Hilflosigkeit.

Danach verbrachte ich Tage damit, Anrufe abzuwimmeln. Meine größte Sorge war, dass ein Journalist mich mit irgendeinem Satz, und sei es auch nur ein belangloses „das kann ich Ihnen nicht sagen“ zitieren würde. Ich versuchte, mit den Kopf über eine mögliche Stellungnahme zu zerbrechen. Aber die Entscheidung war, nicht Stellung zu nehmen. Und vielleicht war die auch richtig. Denn alles was mir eingefallen war, war auch nicht besser als nichts.

Heute nennt man so etwas Shitstorm. Ich finde, das trifft es.

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Energiesparend forschen?

Wenn man an die großen Energiefresser denkt, kommt einem alles Mögliche in den Sinn. Standby-Modi, schlecht gedämmte Häuser, Fahrten mit dem PKW zum Zigarettenautomaten. Aber Hand auf’s Herz: Schon mal an die Wissenschaft gedacht? Ah, jetzt fällt vielleicht bei Ihnen der Groschen und Sie denken an den Teilchenbeschleuniger LHC in Genf. Sicher ein Energiefresser, aber auch die biomedizinische Forschung ist nicht ohne.

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch hat seit seiner Gründung im Jahr 1992 immer wieder enorm in Infrastruktur investieren müssen, damit die Energieversorgung sichergestellt bleibt. Das fängt mit den Laboren an, die auf 18 Grad gekühlt werden müssen im Sommer (bzw. geheizt im Winter). Was kaum ein Mensch weiß: Die Abzüge in den Laboren haben eine Luftwechselrate von 8 Mal pro Stunde. Diese Luft muss temperiert werden. Einmal den Abzug offen stehen lassen, und der Energiebedarf eines Einfamilienhauses geht den Kamin hoch.

Unsere Wissenschaftler haben ihre Büros im größten Laborgebäude platt nach Süden raus, damit die Labore die schattige Nordseite haben. Das motiviert im Sommer, sich nicht allzu lange am Schreibtisch aufzuhalten… Was natürlich nicht der Zweck der Übung ist, sondern es geht ums Energiesparen. Und das heißt bei Laboren Kälte sparen, Wärme abweisen. Energiesparender Laborbau funktioniert also genau andersherum als energiesparender Haus- oder Bürobau. Weswegen an den Leitlinien für nachhaltigen Laborbau derzeit noch getüftelt wird, unter Mitwirkung auch des MDC.

Aber nicht nur die Bauten sind ein energetisches Problem. Heutige Wissenschaft ist eine gewaltige Materialschlacht. Der Server für unsere Systembiologen frisst mehr Strom, als die 30 KW Solaranlage auf dem Labordach liefert. Und es ist nur einer. An dem High-Tech-Einsatz führt aber andererseits kein Weg vorbei, vor allem wenn man heute größeren, bislang ungelüfteten Geheimnissen von Gesundheit und Krankheit auf die Spur kommen will.

Was das MDC vorhat, ist konsequent auf dezentrale Energieerzeugung, Kälteverbundnetze, hocheffiziente Wärmetauscher und die Schulung der Mitarbeiter zu setzen. Vor allem bei ersteren braucht der Forschungscampus in Buch den Schulterschluss mit seinen Nachbarn (das sind zuallererst die Wohnungsgesellschaften und die Kliniken), damit die erforderliche Ausfallsicherheit gewährleistet ist. Und es braucht Investitionen des Landes Berlin. Langfristig sparen diese viel Geld und sie leisten einen echten Beitrag für den Aufbau nachhaltigerer Energieversorgungsstrukturen. Ob wir das wohl hinbekommen?

Zum Hintergrund: Die Green Campus Broschüre des MDC.

 

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